Am 13. November 2025 fand zum siebten Mal das Berliner Podium des bdvb zur Bewertung des neuen Jahresgutachtens statt – dieses Jahr genau einen Tag nach der Veröffentlichung des Gutachtens und erstmals gemeinsam mit der ESMT Berlin im historischen Staatsratsgebäude der ehemaligen DDR.

Nach der Begrüßung durch Prof. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT Berlin, der auf die aktuellen Herausforderungen der deutschen Wirtschaftspolitik hinwies, eröffnete Willi Rugen, ehemaliger Präsident des bdvb, die Veranstaltung offiziell. Er dankte der ESMT Berlin für die Kooperation und betonte die enge Verbindung von Wirtschaft und Politik.
Unter der Moderation von Christophe Darley, bdvb Regionalverband Berlin, folgte die Keynote von Prof. Dr. Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Sie erläuterte, dass das Jahresgutachten unter dem Titel „Perspektiven für morgen schaffen – Chancen nicht verspielen“ bewusst optimistisch formuliert sei, zugleich aber klar mache, dass wesentliche wirtschaftspolitische „Hausaufgaben“ weiterhin ausstehen. Für das laufende Jahr prognostiziert das Gutachten eine Stagnation bei leichtem Wachstum von 0,2 Prozent. Dieser Impuls sei jedoch vor allem auf eine erwartete Auslastungssteigerung in der derzeit unterlasteten Industrie zurückzuführen. Grimm machte deutlich, dass Deutschland bereits seit 2017/18 in einer strukturellen Krise stecke, deren Wahrnehmung durch nachfolgende Schocks wie Pandemie und Energiekrise überlagert worden sei.

Zu den zentralen Punkten des Gutachtens zählte sie die anhaltenden Belastungen der Exportwirtschaft durch erhöhte US-Zölle, die Industrieschwäche trotz expansiver Finanzpolitik und die Notwendigkeit, das Sondervermögen investitionsorientierter und wirksamer einzusetzen. Ohne tiefgreifende Reformen sei eine Rückkehr zu nachhaltiger Haushaltspolitik unmöglich. Zudem müsse Europa seine wirtschaftliche Zukunft stärker gemeinsam sichern – durch den Abbau von Binnenmarkthemmnissen, durch eine Stärkung des Kapitalmarktes und durch engere Kooperation in Verteidigungsforschung und -beschaffung. Weiter plädierte Grimm für eine Reform der Unternehmenssteuern, etwa durch eine Senkung der Körperschaftsteuer, sowie für einen gerechteren Vermögensaufbau über eine gleichmäßigere Besteuerung von Erbschaften und Schenkungen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion griff Willi Rugen mehrere der angesprochenen Themen auf. Er unterstützte die Vorschläge zum Sondervermögen und zur Körperschaftsteuer und verwies auf die Bedeutung von Mitarbeiterbeteiligungen, insbesondere für junge Unternehmen. Während die USA rund 800 Unicorns verzeichnen, sind es in Deutschland lediglich um die 32 – ein deutlicher Hinweis darauf, dass regulatorische Rahmenbedingungen nicht ausreichend innovationsfreundlich ausgestaltet sind.

Prof. Dr. Veronika Grimm, seit 2020 Mitglied im Sachverständigenrat, Dr. Klaus Wiener, MdB, Obmann und stellvertretender Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, Willi Rugen, ehem. Präsident des bdvb.

Dr. Klaus Wiener, MdB, Obmann und stellvertretender Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Prof. Jörg Rocholl, Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen.

Prof. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT Berlin

Dr. Klaus Wiener, MdB, Obmann und stellvertretender Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, schloss sich der Analyse an und bezeichnete die inzwischen mehrjährige Stagnation der deutschen Wirtschaft als „Katastrophe“. Ohne einen spürbaren Abbau regulatorischer Hürden sei keine Trendwende möglich. Er betonte, dass mehr öffentliche Investitionen allein keine Garantie für Wachstum seien, wenngleich investive Mittel aus dem Sondervermögen sinnvoll eingesetzt werden sollten. Ein Potenzialwachstum von nur 0,1 Prozent infolge rückläufiger Produktion und sinkenden Arbeitsangebots bezeichnete er als alarmierend.

In der Diskussion um privates Kapital erläuterte Sebastian Roloff, MdB, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD, dass Deutschland kein Kapitalproblem, sondern ein massives Kapitalallokationsproblem habe. Während rund 40 Prozent des Kapitals in sicheren Einlagen verharren, finden Unternehmen hierzulande oft keine ausreichenden Mittel zum Skalieren und weichen ins Ausland aus. Dies sei ein strukturelles Problem, das eine umfassendere Agenda erfordere als die von 2010.

Prof. Grimm verwies auf das Beispiel Argentinien, wo eine umfassende Deregulierung mithilfe datenbasierter Analysen durch KI und Expertenvorschläge vorbereitet wurde. Ein solcher Ansatz könne auch für Deutschland hilfreich sein, um regulatorische Hindernisse systematisch abzubauen. Dazu passe auch die Überlegung, Eigen- und Fremdkapital steuerlich gleichwertiger zu behandeln, um den Investitionsanreiz zu erhöhen.

Prof. Rocholl lenkte den Blick auf die junge Gründergeneration, die unter den aktuellen Standortbedingungen besonders leide. Der Unternehmenswert sei in den USA häufig deutlich höher, was zunehmend dazu führt, dass Start-ups ihre Aktivitäten ins Ausland verlagern. Im Kontext der Erbschaftsteuer betonte er zudem die ungleiche Belastung und formulierte pointiert, dass insbesondere „die armen Reichen“ am stärksten betroffen seien – ein Hinweis darauf, dass auch Familienunternehmen unter steigenden Anforderungen leiden.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion nutzten die Teilnehmenden das Foyer des historischen Staatsratsgebäudes für einen offenen Austausch. Der Abend machte klar: Ohne mutige wirtschaftspolitische Reformen, klare Prioritäten und eine bessere Nutzung privaten Kapitals wird es Deutschland schwerfallen, den wirtschaftlichen Anschluss zu halten.

Foto ©Jens Gyarmaty